Fan-Tourtagebuch

08.
Januar 2026 - Ravensburg
Konzerthaus
Bericht und Fotos von Benedikt Brüne
| Irgendwo zwischen
Start und Ziel ist man immer im Auf und Ab des Lebens. Vieles ist
relativ, wenn nicht das meiste. Wir beziehen uns auf die Menschen um
uns herum, jüngere auf ältere, traurige auf glückliche – und
umgekehrt. Alle sind auf ihrem Weg, vergleichen, hoffen, entwickeln
und verändern sich. Bis auf die (wahre) Liebe und bis auf den Tod
gibt es nichts Endgültiges, an dem nicht irgendwie noch „jedrieht“
werden könnte. „Dä Schmerz, die Sehnsucht un die Angs sinn relativ.“ Davon handelt „Alles relativ“ vom Album Lebenslänglich, vor zehn Jahren veröffentlicht, mit dem Wolfgang Niedecken und Mike Herting auch in Ravensburg ihren großartigen Abend beginnen. Für BAP-Fans hat es etwas sehr Vertrautes, wenn ihr Wolfgang um 19.30 Uhr mit einer Tasse Tee in der Hand hinterm Vorhang hervorkommt, Richtung Bühnenkante schlendert und, Mike Herting im Schlepptau, die Leute begrüßt. Wohl denen, die Tickets für die Logenplätze im Konzerthaus ergattert haben: Zusätzlich zur Eins-A-Sicht auf die Bühne bekommen die Statlers und Waldorfs des Abends ein Extra-Winkewinke vom Geschichten-Erzähler aus Kölle. Wenn sie zu den textfesten Fans zählen, stolpern sie schon im ersten Song über eine Zeile: „Jetzt jeht er op die 80 zo“ (im Original von 2016 war noch von 70 Jahren die Rede). Und man denkt: Verdamp, seitdem sind schon wieder zehn Jahre vergangen. Eine lange Zeit, in der vor allem die Zeitreise-Konzerte bleibenden Eindruck hinterließen. „Wenn et bedde sich lohne däät“, „Zehnter Juni“, „Südstadt, verzäll nix“ - der Schwerpunkt lag auf der Frühphase der BAP-Geschichte, alle waren für einen Abend 40 Jahre jünger – und dementsprechend emotional ging es zu, Abend für Abend auf der Tour. Dieses Jahr, 2026, wird gefeiert. 75. Geburtstag und 50 Jahre BAP. Und die Setliste von „Zwischen Start und Ziel“ zeigte wieder einmal, wie groß der selbst kreierte Fundus ist, aus dem Wolfgang Niedecken schöpfen kann, auch jenseits der frühen, atemlosen 1980er-Jahre. Und dass man viele tolle Songs lange nicht mehr auf dem Schirm hatte. Beispiel: „Dir allein“ vom Aff un zo-Album. Wer sich an die Studio-Version erinnert, wurde bei den aus dem wunderschönen, schwarzen Steinway & Sons-Flügel hervorgezauberten, großartigen Piano-Passagen von Mike Herting das Gefühl nicht los: Sheryl Hackett (†2005), die damals ein himmlisches, katapultartiges Vocal-Solo besteuerte – in Ravensburg war sie dabei, mittendrin im Saal. Zweites Beispiel: „Für ne Moment“. Für die Hommage an seine Heimatstadt und den kölschen Dialekt hatte Tom Pettys „Southern Accent“ Pate gestanden, erzählt Wolfgang. Erkenntnis: Überall können Songs entstehen, etwa auf langen Autofahrten, die Musikern Zeit bieten, das Für und Wider neuer Ideen auszuloten und sich durchzuringen. Auch wenn in diesem Fall die früheren BAP-Cracks Effendi Büchel und Jens Streifling unterwegs noch die Sorge hatten: „Southern Accent“ auf Kölsch, das wird „eine rührselige Scheiße“. Es gab viele weitere Geschichten wie diese, von früher und heute, unprätentiös, nahbar, oft mit Augenzwinkern erzählt. Dazu die großartige musikalische Vielfalt und Leidenschaft am Klavier. Das alles ist nicht selbstverständlich. Seelenproviant wieder einmal. Danke, Wolfgang und Mike. |